von Serge Embacher
Im Rahmen des Projekts „Social Media für die Bürgergesellschaft“, das von der Robert Bosch Stiftung gefördert wird, will das CCCD die Erkenntnisse der Untersuchung "Internet und digitale Bürgergesellschaft - Neue Chancen für Beteiligung" mit anderen teilen und diskutieren. Neben der Blogparade zum Thema, die noch bis zum 21.4.2012 läuft, hat das CCCD in Kooperation mit verschiedenen Partnern vor Ort zu Diskussionsveranstaltungen in Hamburg, Bonn, Stuttgart, Halle und Leipzig eingeladen. In diesem Blog werden wir in den kommenden Wochen Berichte der Podiumsdiskussionen und Werkstattgespräche veröffentlichen.
Zur Podiumsdiskussion in Bonn hatte das CCCD am 8. März 2012 gemeinsam mit der Stiftung MITARBEIT und der Stadt Bonn eingeladen. Zu Gast waren Akteure gemeinnütziger Organisationen, Multiplikatoren der regionalen Bürgergesellschaft und interessierte Bürger/innen.
In seiner Begrüßung beschrieb Dirk Lahmann, Beauftragter der Stadt Bonn für Bürgerbeteiligung, die aktuellen Bonner Bemühungen in Sachen Online-Bürgerbeteiligung. Dabei ging es um die Weiterentwicklung des Bürgerhaushalts ebenso wie um Leitlinien für Bürgerbeteiligung in Bonn, ein öffentliches Beteiligungsportal und die Einrichtung einer Ehrenamtsbörse. Alexandra Härtel vom CCCD konnte hier anschließen, indem sie die von Lahmann genannten Elemente auf Basis der CCCD-Untersuchung grundsätzlich erläuterte. Im Anschluss daran beschrieb Hanns-Jörg Sippel, Vorsitzender des Vorstands der Stiftung Mitarbeit, die Arbeit der Stiftung und erinnerte an das ursprüngliche Motiv der Stärkung der Demokratie („Demokratieentwicklung von unten“). Die Stiftung unterstützt Engagierte bei Fragen der Mittelakquise, der Projektdurchführung und der Öffentlichkeitsarbeit. Außerdem thematisiert sie Fragen der Bürgerbeteiligung in der politischen Debatte.
Stiftung Mitarbeit: Neue Formen der Beteiligung
Das Bedürfnis nach mehr Beteiligung hat sich in den letzten Dekaden stark entwickelt, weshalb die Stiftung Mitarbeit vorrangig versucht, dialogorientierte Beteiligungsverfahren zu fördern. Das erweist sich oft als sehr schwierig, weil politische Akteure die Einbindung der Bürgergesellschaft mitunter als Macht- oder Kontrollverlust verstehen und deshalb keine fördernde Haltung einnehmen. Genau hier sieht die Stiftung Mitarbeit ihr genuines Betätigungsfeld. Die Rolle der Sozialen Medien besteht für sie darin, neue Formen der Beteiligung zur Verfügung zu stellen. Der Diskurs um Social Media schließt also unmittelbar, so lässt sich festhalten, an die Auseinandersetzung um bessere demokratische Prozesse an. Die Bedürfnisse von Engagierten wie etwa Selbstorganisation und Vermehrung der Beteiligungskanäle stehen in dieser Sichtweise im Mittelpunkt von Politik.
Oxfam Deutschland: durch Social Media Nutzung die eigene Wirkung erhöhen
Einen Einblick in die berufliche Praxis eines Online Communication Managers gab anschließend Robert Dürhager von Oxfam Deutschland. Oxfam Deutschland fördert Projekte zur Entwicklung und Konfliktbewältigung in Ländern südlich der Sahara und in Südasien und beteiligt sich weltweit an Hilfsmaßnahmen in humanitären Krisen. Außerdem betreibt Oxfam Lobby- und Kampagnenarbeit im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit. Oxfam ist im Wesentlichen eine international operierende Organisation, für die Social Media einen idealen Kommunikationsraum darstellen. Seit 2008 ist auch Oxfam Deutschland im Social Web aktiv. Dürhager, der seit 2009 für Oxfam tätig ist, beschrieb den Aufbau der Social-Media-Präsenz, wobei von Anfang an auch Schulungen und Workshops für die Mitarbeiter ein zentraler Bestandteil der Arbeit sind. Dies gilt auch für die Entwicklung einer Social-Media-Strategie.
Die Potenziale von Social Media können nur dann richtig erschlossen werden, wenn man die Nutzer von bloßen Besuchern der Homepage zu tatsächlichen Benutzern macht. Dazu braucht man eine gute Zielgruppenanalyse ebenso wie den Aufbau eines „Customer Relationship Management“. Die „User Journey“ beginnt bei der Verbindung der Web-Präsenz mit dem Zweck einer Organisation und endet – im Idealfall – bei persönlichem Engagement vieler Einzelner für die Ziele der Organisation, hier der globalen Armutsbekämpfung. Die Website und die darin eingebundenen Kommunikationsmöglichkeiten müssen den Nutzer tatsächlich mitten in die Möglichkeiten zum Mitmachen führen. Engagement- und Verantwortungsbereitschaft entsteht aus Gelegenheiten, welche durch den Einsatz von Social Media sichtbar und erlebbar gemacht werden können.
Heute beschäftigt Oxfam Deutschland drei Angestellte im Social-Media-Bereich und fünf im Web-Bereich, die sich um die Organisation von Kampagnen und Online-Streams zu Oxfam-Themen kümmern. Durch die konsequente Ausrichtung von Oxfam Deutschland auf neue Formen der Online-Kommunikation hat sich auch die Organisation selbst verändert. Neben schnellerer Kommunikation mit Interessenten und „Stakeholdern“ ohne umständliche Abstimmungsprozesse zwischen den Hierarchieebenen (im Unterschied zur herkömmlichen Pressearbeit) bildete sich sukzessive die Bereitschaft heraus, sich selbst als „lernende Organisation“ zu verstehen. Social-Media-Einsatz erfordert Flexibilität und Fehlertoleranz, erhöht aber im Gegenzug auch die Wirkung der Organisation und dient damit direkt dem eigentlichen Organisationszweck. Zudem haben Social-Media-Aktivitäten (im Unterschied zu allen anderen Aktionsformen) den Vorteil, dass sich ihre Wirkungen direkt und präzise messen lassen. Durch Instrumente wie Google Analytics lässt sich die Resonanz auf Aktivitäten der Organisation, ihre Effektivität und auch die Streuverluste, genau erfassen.
Aus der Diskussion mit den Gästen
Die Diskussion mit dem Publikum förderte viele Aspekte zutage, die heute im Zusammenhang mit Sozialen Medien zur Debatte stehen. Die neuen Medien böten, so wurde mehrfach geäußert, nicht nur Chancen, sondern hätten auch ihre Grenzen. Sie dürften auch nicht als Ablösung, sondern lediglich als Ergänzung der klassischen Medien verstanden werden. In diesem Zusammenhang wurde auch die Frage nach der inhaltlichen Substanz im neuen Kommunikationsraum thematisiert: Social Media laden zum Pseudo-Engagement per „Like Button“ ein („Slacktivism“), weshalb ein wirklicher Effekt für bürgerschaftliches Engagement nicht unbedingt erkennbar sei. Alexandra Härtel entgegnete, dass eine Voraussetzung für Engagement via Social Media auch die Beteiligungsoffenheit von Organisationen sei. Ist diese nicht gegeben, gibt es auch weniger Anknüpfungspunkte für Engagement online.
Ein weiterer Diskussionspunkt betraf die Kritik der „Glorifizierung“ von Fundraising durch Soziale Medien. Das Internet erscheine häufig als „Cash-Cow“, ständig und überall würde zu Spenden aufgerufen, was ein problematischer Weg sei. Robert Dürhager pflichtete dem insofern bei, als dass Spendenaufrufe nicht inflationär verwendet werden dürften. Fundraising via Social Media sei am Ende nur sinnvoll, wenn es mit konkreten Kampagnen, Aktionen und Projekten verbunden werde.
In der Debatte wurde außerdem infrage gestellt, ob Social-Media-Kanäle tatsächlich den hohen Ansprüchen an Beteiligung und Transparenz genügen oder ob nicht vielmehr auch hier Filter und Beschränkungen eingebaut seien. So könne man beobachten, wie etwa in Blogs und Foren durch hierarchische Moderationsstrukturen Meinungen unterdrückt würden. Kritische Debatten würden oft nicht zugelassen. Darauf antwortete Hanns-Jörg Sippel mit Blick auf die Erfahrungen der Stiftung Mitarbeit mit Online-Dialogen, dass für einen freien und gleichen Austausch via Social Media eine gute, d. h. professionelle und neutrale Moderation sowie eine adäquate technische Einrichtung der Plattform nötig seien.
Als ein weiteres Problem wurde das häufig sehr niedrige Debattenniveau auf Online-Plattformen beklagt. Die debattierende Community sei allzu häufig nicht viel mehr als eine sich selbst bestätigende „Gefällt-mir-Gemeinschaft“, wie ein Teilnehmer formulierte. Dem entgegnete Robert Dürhager, die Erwartung, dass sich durch das Internet das Debattenniveau automatisch heben würde, sei unrealistisch. Zwar seien die Möglichkeiten zur freien Meinungsäußerung durch das Internet wesentlich ausgeweitet worden, doch könne sich die Fähigkeit, niveauvoll zu diskutieren, auch im Internet nicht „über Nacht“ entwickeln. Bei der Online-Kommunikation gehe es vor allem darum, dass ein neuer Interaktionskanal erfunden wurde, der sich kreativ nutzen lässt und der die Chance bietet, sich tatsächlich auf anderen Wegen als bislang zu engagieren. Ob die politische Kultur dauerhaft mit Hilfe von Online-Kommunikation verbessert werden kann, sei eine offene Frage. Doch lasse sich, so eine Ergänzung aus dem Publikum, bereits heute sehen, wie groß das Potenzial der „Weisheit der Vielen“ sei. Die große Stärke der Online-Kommunikation könnte demnach künftig darin liegen, Meinungen hervorzubringen, die man sonst nicht vernehmen würde.
Schließlich erwiderte Hanns-Jörg Sippel auf die Frage nach dem Bonus, der sich für die Bürgergesellschaft aus Sozialen Medien ergebe, dass diese neuen Medien nicht automatisch einen „Mehrwert“ für die Bürgergesellschaft mit sich brächten. Vielmehr sei hier ein neues Potenzial entstanden, das man nutzen könne oder auch nicht. Genauso könnten Soziale Medien gesellschaftliche Spaltung ebenso überwinden helfen wie vertiefen. Das hänge von ihrer Nutzung ab. Die Gefahr einer „digitalen Spaltung“ der Gesellschaft sei real. Aus ihr ergebe sich die Notwendigkeit der Einbeziehung auch benachteiligter Gruppen in Beteiligungsprozesse unter anderem durch aktives Aufsuchen und Gemeinwesenarbeit.
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