Das Doughty Centre für Corporate Responsibility an der britischen Cranfield University – wie das CCCD auch Teil des weltweiten GERN-Netzwerks – hat eine Studie veröffentlicht, die sich mit dem Konzept der „Stakeholder Governance“ beschäftigt. In ihrer Untersuchung über den Einfluss der Stakeholder eines Unternehmens auf dessen strategische Ausrichtung kommen die Autoren der Studie zu dem Ergebnis, dass viele Unternehmen inzwischen auf ihre Stakeholder zugehen. Allerdings ist deren Beteiligung bislang meist limitiert auf die Abfrage von Meinungen und Neigungen. Vom „Empowerment“ der eigenen Stakeholder und von langfristiger Zusammenarbeit hingegen sind Unternehmen oft noch weit entfernt. So bleibt das enorme Potential solcher Partnerschaften für gemeinsame Innovation und neue Impulse für Geschäftsstrategien weitgehend ungenutzt.
Unternehmen operieren nicht im luftleeren Raum, sondern innerhalb eines komplexen Geflechts von Erwartungen und Bedürfnissen verschiedenartigster Stakeholdergruppen wie Mitarbeitern, Kunden, Investoren, Geschäftspartnern, aber auch NGOs, Gewerkschaften und dem Staat. Allen Stakeholdern ist gemein, dass sie ein Interesse haben an dem, was ein Unternehmen tut – allerdings ist dieses Interesse alles andere als einheitlich: Verbraucher erwarten qualitativ hochwertige Produkte, Handelspartner kurze Lieferzeiten, Gewerkschaften angemessene Löhne, NGOs eine nachhaltige Produktionsweise usw. So schwierig es scheint für ein Unternehmen, diesen unterschiedlichen Interessen gerecht zu werden, so groß ist das Potential, das der Austausch und die Zusammenarbeit mit den Stakeholdern für den Geschäftserfolg bietet.
„Have your say“ – Einfluss von Stakeholdern auf Unternehmensentscheidungen
Es finden sich in den Medien bereits einige Beispiele, wie Unternehmen die Interessen von Stakeholdern in ihre internen Entscheidungsprozesse einfließen lassen. Eine britische Bank lässt ihre Kunden mit darüber entscheiden, in welchen Bereichen Investitionen getätigt werden sollen. Ein Smoothie-Hersteller ruft zur öffentlichen Abstimmung darüber auf, ob die eigenen Fruchtgetränke auch bei McDonalds verkauft werden sollen oder nicht. Computerhersteller Dell fragt nach Wünschen für den Laptop der Zukunft. Kurzum: es scheint, als seien die Stakeholder bereits häufig an strategischen Unternehmensentscheidungen beteiligt.
Die Studie des Doughty Centres kommt nach der Untersuchung der Stakeholder-Beziehungen von 51 Unternehmen (alle Teil des Business in the Community Netzwerks, also im Bereich CSR als eher fortschrittlich anzusehen) zwar auch zu dem Schluss, dass Unternehmen den Beziehungen zu ihren Anspruchsgruppen heute eine höhere Bedeutung beimessen als noch vor fünf Jahren. Allerdings ist der Einfluss der Stakeholder auf die Unternehmensentscheidungen bei einem Großteil der Unternehmen (61 %) eher operationaler Natur. „Dialogue or issues advisory“ nennen die Autoren diese Kategorie, die die Mitsprache bei lokal beschränkten, relativ überschaubaren Sachverhalten umfasst. Nur 14 % der Unternehmen bauen auf „strategic Collaboration“ mit ihren Stakeholdern.
Ausschüsse und Beiräte – Neue Strukturen zur Einbindung von Stakeholdern
Die Autoren regen an, dass Stakeholder nicht nur in Entscheidungen eingebunden werden, die den Produktionsablauf einer Firma („risk-based view“) betreffen, sondern auch in solche, bei denen es um die Entwicklung neuer Produkte und Services („opportunity-based view“) geht. Zwei Instrumente, durch die Stakeholder in Management-Entscheidungen formal eingebunden werden können, sind Multistakeholder Initiatives und Joint Management Stakeholder Committees.
Vier Empfehlungen für Unternehmen
Die Studie schließt mit vier Empfehlungen für Unternehmen, wie diese durch eine intensivere Einbeziehung ihrer Stakeholder die Legitimation von Unternehmensentscheidungen vergrößern und neue Sichtweisen und Ideen ins Unternehmen holen können:
In ihrem Fazit kommen die Autoren der Studie zu dem Schluss, dass es für die meisten Unternehmen noch ein weiter Weg ist hin zur Umsetzung strategischer Maßnahmen zugunsten der Stakeholder Governance. Sie konstatieren allerdings, dass diese Entwicklung hin zu mehr Offenheit und Beteiligung wohl unumkehrbar ist. Folglich tun Unternehmen gut daran, diese Entwicklung aktiv mitzugestalten und sich nicht nur treiben zu lassen.
Zum Download der Studie “Stakeholder Governance: An Analysis of BITC Corporate Responsibility Index Data on Stakeholder Engagement and Governance” von Erik G. Hansen und Heiko Spitzeck.
Der Blick über den Tellerrand - Stakeholder-Beteiligung als Chance für den Unternehmenserfolg | Centrum für Corporate Citizenship Deutschland
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