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06. Juni 2012
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Podiumsdiskussion "Internet und digitale Bürgergesellschaft", Halle, 26. April 2012

Rückblick Rückblick

von Serger Embacher
 
Am 26. April 2012 fand im Stadtarchiv Halle die letzte Podiumsdiskussion zum Thema "Internet und digitale Bürgergesellschaft" statt, zu der das CCCD in Kooperation mit der Freiwilligen-Agentur Halle-Saalkreis e.V. eingeladen hatte. Zu Gast waren wie schon bei den vorangegangenen Veranstaltungen Freiwilligenmanager/innen, Kommunikationsverantwortliche und andere Akteure gemeinnütziger Organisationen sowie Multiplikatoren der regionalen Bürgergesellschaft.
 

Im Anschluss an die Vorstellung der Studie des CCCD zum Thema durch Alexandra Härtel stellte Ulrike Rühlmann von der Bürgerstiftung Halle die zentralen Aufgaben ihrer Organisation dar. Die Bürgerstiftung Halle wurde 2004 von rund 70 Bürgerinnen und Bürgern in Halle gegründet. Heute verfügt die Stiftung über mehr als 300 Mitglieder und ein Vermögen von ca. 230.000 Euro. Sie fördert vor allem Kultur- und Bildungsprojekte in Halle. Seit einem Jahr ist die Bürgerstiftung auf Facebook aktiv, weil man sich davon in erster Linie eine Ausweitung der Kommunikationsmöglichkeiten verspricht (besserer Kontakt zu Mitgliedern und Förderern). Grundsätzlich besteht aber das Problem fehlender Ressourcen für den strategischen Einsatz von Social Media.
 

Mark Westhusen von Radio Corax e. V.  begründete hingegen, warum der Radiosender, der als gemeinnütziges Projekt betrieben wird, keinen Facebook-Account hat. Im Mittelpunkt steht dabei die Datenschutzproblematik und damit verbunden das problematische Geschäftsmodell von Facebook. Stattdessen arbeitet Radio Corax mit vielen anderen Social-Media-Anwendungen wie Wikis, Twitter, einem Chat und eigenen Blogs, auf denen Interessierte mit eigenen Inhalten das Radioprogramm mitgestalten können. Das passt sehr gut zu den, nach den Kriterien Transparenz, Beteiligung und Basisdemokratie gestalteten, Strukturen von Radio Corax. Social Media werden hier als eine organische Erweiterung der eigenen Struktur verstanden. Sie bieten die Möglichkeit, die basisdemokratische Struktur intern auszubauen und zudem die Organisation nach außen besser darzustellen.
 

Karen Leonhardt beschrieb zunächst die Tätigkeiten der Freiwilligen-Agentur Halle-Saalkreis e.V. seit 1999, die sich in die fast schon klassisch gewordenen Sparten Vermittlung (Freiwilligen ins Ehrenamt), Qualifizierung (von Freiwilligen für das Ehrenamt) und Vernetzung (von Or-ganisationen und Freiwilligen) gliedert. Social Media werden bislang erst in Ansätzen genutzt (z. B. ein eigener YouTube-Kanal), zugleich gibt es seit einiger Zeit eine organisationsinterne Debatte über einen sinnvollen bzw. strategischen Einsatz Sozialer Medien. Vorbehalte und Skepsis halten sich dabei mit der Hoffnung auf positive Impulse bislang die Waage. So wird zum Beispiel diskutiert, ob sich eine Freiwilligenagentur nicht selbst überflüssig macht, wenn sie etwa die Vermittlung von Freiwilligen ins Ehrenamt via Social Media in den virtuellen Raum verlagern würde. Andererseits vermutet man große Potentiale in der Nutzung Sozialer Medien.
 

Die Podiumsgäste symbolisierten also am Ende der Diskussionsreihe durchaus den derzeitigen Stand der Dinge: Während die einen bereits sehr organisch mit Social Media operieren, ist man andernorts noch in einer explorativen Phase und diskutiert Potentiale und Risiken oder probiert schlicht Möglichkeiten aus.
 
Die abschließende Diskussion mit dem Publikum förderte denn auch die meisten der nun schon geläufigen Argumente zutage, die heute im Zusammenhang mit Sozialen Medien zur Debatte stehen. Davon wurden vier besonders betont:
 

1.    Grenzen von Facebook: Als erhebliches Problem bei der Nutzung von Netzwerken wie Facebook wird deren Geschäftsmodell gesehen, das notwendig mit einem mangelhaften Datenschutz einhergeht. Facebook kann kommerziell nur erfolgreich sein, wenn die Nutzer ihre Daten gratis für Werbezwecke aushändigen. Dieser Umstand wird auch oder gerade in gemeinnützigen Organisationen viel diskutiert. Das Datenschutzproblem trübt die Vernetzungs- und Kommunikationspotenziale, die Social Media bieten, oft erheblich ein.
 

2.    Freiheit vs. Beschränkung der Social-Media-Kommunikation: Die freie und selbst organisierte Kommunikation und Koordination der Mitglieder via Social Media ist in vielen Organisationen (bislang) nicht gewollt. Dort geht es beim Social-Media-Einsatz viel eher um koordinierte und breitere Information als um Diskurs und Meinungsbildung, wie der Vertreter einer Hilfs- und Rettungsorganisation anmerkte. Es geht darum, die hergebrachte Struktur der Organisation in den virtuellen Raum zu übertragen. Dem wurde jedoch entgegen gehalten, dass eine sinnvolle Nutzung von Social Media letztlich nur möglich sein wird, wenn sich die Organisationen in Richtung mehr Beteiligung auch strukturell wandeln.
 
3.    Bedeutung von Social Media für (Kommunal-)Politik: Immer häufiger wird versucht, Soziale Medien als kommunalpolitische Instrumente der Bürgerbeteiligung einzusetzen. Bislang ist der Erfolg hier aber noch nicht durchschlagend, da eine adäquate Nutzung Sozialer Medien eine neue, offene und tatsächlich auf Beteiligung angelegte Diskurskultur erfordern würde. Diese ist bislang – wenn überhaupt – erst in Anfängen erkennbar. Denn einer Ausweitung der Kommunikationsverhältnisse steht das Problem des drohenden oder zumindest befürchteten Machtverlusts politischer Eliten oder Funktionsträger entgegen. Ein Vertreter der Piratenpartei griff diesen Aspekt auf und verwies darauf, dass man bei den Piraten nach innovativen Lösungen für dieses Problem suche und dabei eine zentrale Rolle von Social Media sehe.
 
4.    Bildung und Social Media: Ein wichtiger Faktor bei der weiteren Entwicklung der Social-Media-Nutzung ist die Übung im Umgang mit diesen Medien. Bei bislang jedem historischen Medienwechsel hat es eine Zeit gebraucht, bis das neue Medium (Buch, Telefon, Fernsehen etc.) kulturell hinreichend verankert war. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Internet und den Sozialen Medien. Es dürfte noch eine Weile dauern, bis sich hier Standards der Nutzung eingespielt und so breit etabliert haben, dass die Chance auf mehr Beteiligung und Kooperation via Internet nicht nur von wenigen genutzt wird, sondern als realer Bestandteil in die Kommunikationskultur der späten Moderne eingehen kann. Der Qualifizierung und Fortbildung von bürgerschaftlich Engagierten kommt daher in diesem Zusammenhang eine zentrale Bedeutung zu.
 


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